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Der Weg zum Glück

geschrieben von Helmut 
Re: Der Weg zum Glück
13. Dezember 2008 16:27
Bei der Ubertinka-Szene in Wien fiel mir zum zweiten Mal im "Weg zum Glück" auf, dass May gelegentlich doch Handlungsteile plant. winking smiley

Er hat ja erst den Handlungsstrang ablaufen lassen, an dessen Ende Leni dann oben an der Treppe steht und der Leser an sich nicht weiß, wer die Dame ist.
Und dann erzählt May den Handlungsstrang der Murenleni und lässt sie dann dort an der Treppe stehen und vereinigt so beide Episoden.
Dieses parallele Handlungsstrangablaufen (wenn es auch nur in Handlungszeit parallel abläuft und nacheinander gelesen wird) benutzt May sehr selten. Erfordert halt etwas Planung. winking smiley

Jenny

PS: VIEL überraschter war ich von der ansich albernen Bauern-Verklapse mit dem zu findenden Schatz. Dieses Eintrichtern von sinnfreien Satzteilen durch den Wurzelsepp, die erst sinnvoll wurden, als sich die beiden Schatzsucher begegnen, erforderte ein gerüttelt Maß an Planung. Da wird May tatsächlich Notizen gemacht haben.

PPS: Alles aus dem Gedächtnis. Aus meine, meine ich. Lektüre liegt nun wieder ein bissel zurück.



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 13.12.08 16:27.
Re: Der Weg zum Glück
23. Dezember 2008 17:18
Ich bin jetzt eigentlich auch fertig mit dem "Weg zum Glück".
Ich muss gestehen, dass ich über die letzten 3 Kapitel ziemlich enttäuscht und sehr verärgert bin.
Deshalb warte ich mal lieber noch einige Tage, damit der "Verriss milder" wird.


Helmut
Re: Der Weg zum Glück
07. Januar 2009 18:16

11. In Miramare
12. Schluß


Beide Kapitel (insbesondere das 11.) teilen mit dem Kapitel 10 (natürlich nur nach meiner völlig unmaßgeblichen Meinung nach) das Schicksal, dass sie für den "Weg zum Glück" eigentlich vollkommen überflüssig sind.
Handlungsmäßig sowieso, aber nun ist ja z.B. in der klassischen Oper (zumindest so bis zum frühen Verdi) so, dass ja die "Handlungsträger", nämlich die sog. (Secco-)Rezitativ eigentlich sehr langweilig sind; während die Arien (und Ensembles), die ja nichts (wesentliches) zur Handlung beitragen, ja das eigentlich Interessante und auch Schöne an diesen Opern ist.
Leider ist dies bei diesen 3 Kapiteln (wieder sei angemerkt, nur meiner Meinung nach) nicht der Fall. Nein im Gegenteil, da steht einiges an (für mich!) ärgerlichem Unsinn drin.
Ich will mich jetzt auf die Hauptärgernisse beschränken.
Da wird exakt dreimal (wenn man die Frau vom "Finkenheiner" mitzählt eigentlich viermal) genau die gleich Szene abgespult, eine Szene wo die Frau als Tochter eines Verbrechers meint, den Freund nicht wert zu sein, usw. usf. . Beim zweiten Mal, möchten wir schon dem Autor zurufen "Wir haben's verstanden, Du kannst es jetzt etwas kürzer halten", aber nein, die Dialoge werden wieder in voller Länge auch beim 3. (bzw. beim 4.) Mal abgespult, ohne das sich irgendwas wesentliches geändert hätte.
Und dann als Krönung noch das Fräulein von Begriffsstutz, das auch nach Jahren nicht gemerkt hat, dass man einfach das "von" eines Namens streichen kann, um den neuen Namen (und deren "Eigentümer"winking smiley zu finden.

Jetzt wollen wir uns noch den Hauptakteuren zuwenden.
Da gibts zum einen die "Muhrenleni", die als Frau/Mädchen (zu der damaligen Zeit äußerst selten, auch bei May) beschließt ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen (bzw. auch in die des Königs zu legen). Aber nachdem sie damit größtmöglichen Erfolg erzielt, ereilt sie offensichtlich das "Wanda-Syndrom", und sie wirft sich dem Nächstbesten an den Hals, der sich durch nichts (aber wirklich nichts) anderes auszeichnet, als dass er adelig ist (er spielt hier nur eine absolute Nebenrolle). Leni hingegen beginnt wieder all ihrer Selbstständigkeit (wegen der es ja zum Streit mit Anton kam) abzuschwören und "wieder ganz Frau zu sein" (grrr, schauder!).

Der Anton hingegen wird für sein entsetzlich idiotisches Verhalten belohnt, indem er eine (offensichlich) ziemlich patente Frau kriegt. Er (Signore Criquolini) muss sich natürlich erstmal bessern, was ihm auch sehr schnell gelingt, nämlich durch einen einmaligem(!) gemeinsamen Opern-Auftritt mit Signora Ubertinka.

Das (beides) nenne ich, die Welt vollkommen auf den (kolportagemäßigen) Kopf gestellt.

Überhaupt bei dieser Oper, wie bin ich doch froh, dass ich sie (offensichtlich ein "leichter" Wagner-Verschnitt) nicht auch noch hören musste. Nein ich konnte da genüsslich während des Lesens Ausschnitte aus den Mozart - Da Ponte Opern hören (wobei mir hier "Cosi fan tutte" immer besser, und "Don Giovanni" immer weniger gefallen zu beginnt, aber das nur völlig nebenbei).

Auch die Figur des Wurzelsepp, als Offizier Joseph von Brendel und später als "Zeremonienmeister" des Abschlussereignisses wirkt eigentlich ziemlich aufgesetzt um nicht zu sagen unglaubwürdig.

Und noch zum endgültigem Schluss.
Wenn wir nicht wüssten, dass May hier den Tod seines Vaters literarisch verarbeitet hat, es/er (der Schnulz) wäre nicht auszuhalten. Aber so, den Vater (im Sterben) einerseits als knorrigen (manchmal auch leicht "ausrastendem"winking smiley Alten, und andererseits als gottgleichem König darzustellen, das hat schon was für sich.



Helmut



3-mal bearbeitet. Zuletzt am 07.01.09 18:20.
Re: Der Weg zum Glück
07. Januar 2009 22:16
Was ist denn ein Schnulz ? (den Ausdruck kannte ich noch nicht. Die Frage ist aber nur rhetorisch, hab's schon verstanden.)

winking smiley

An Mays Vater habe ich bei Wurzelsepps Tod nicht gedacht. Werde mal drüber nachdenken. Aber zu Tränen gerührt hat es mich, als ich es im zarten Alter von 47 Jahren erstmals las. Ich werde nochmal nachgucken, aber schnulzig fand ich da glaube ich überhaupt nichts.

Anton bessert sich, wenn ich mich recht entsinne, nicht durch den Auftritt mit Leni, sondern durch die Begegnung mit seinen Eltern. Oder geht das mit der "Besserung" schon vorher in Gang ? Kann mich im Moment nicht genau erinnern.

Daß der "Nächstbeste", dem sich Leni m.E. nicht "an den Hals wirft", sondern für den sie sich nüchtern und bewußt halt entscheidet, sich "durch nichts (aber wirklich nichts) anderes auszeichnet, als dass er adelig ist", glaube ich nicht. Werde mal bei Gelegenheit entsprechende Textstellen heraussuchen.

(Aber wir gehen eh nicht allzu konform, was soll's: Lieber 1 x Wagner als 3 x Mozart.)

winking smiley
Re: Der Weg zum Glück
07. Januar 2009 22:39
Der Wurzelsepp ist, für Leni, Anton, Erzähler und Leser, so etwas wie ein idealer "Ersatzvater", wie er im Buche steht (Hihi ..) Deshalb ist es für alle Beteiligten auch nicht leicht, als er geht. Der ist einem wirklich ans Herz gewachsen.

Und er hat eben alle möglichen angenehmen Eigenschaften, die Mays Vater offenbar nicht hatte. Deshalb kam ich auch nicht auf die Idee, er könnte irgendetwas mit dem zu tun haben. Aber der Gedanke ist schon interessant.

Der Graf Senftenberg hat unter anderem die Leni gegen zwei Leute beschützt, die ihr "an die Wäsche" wollten, und mit edler Gesinnung & Tatkraft gepunktet, nicht mit Adeligkeit. Die kommt sozusagen erleichternd hinzu. Das hat May schon richtig beobachtet, daß ein adeliger Edler des öfteren die besseren Karten hat als ein armer Edler. Aber die Leni hätte auch Letzteren genommen, wie ich sie kenne. Wenn er auch noch Kohle hat und "etwas ist", umso besser. Auch im Sinne von Abonnenten und (ergo) Verleger.

winking smiley
Re: Der Weg zum Glück
07. Januar 2009 23:14
Zu dem Herren Grafen:
- Diese seine Tat ist - mir wohlbekannt - aber gegenüber dem, was manch anderer hier im "Weg zum Glück" vollbringt, ja nun wirklich absolut vernachlässigbar. Deshalb bleibts bei meinem wohlüberlegtem und -berechtigtem Urteil.

Zum Anton:
Wenn ich mich recht erinnere - und das passiert rel. häufig und meistens richtig - kommt es zum klärendem Gespräch mit seinen Eltern erst nach dem "Erweckungserlebnis" mit Leni.

Zur Musik/Wagner:
Quote

Wissen Sie, es steht mir natürlich nicht zu, etwas darüber zu sagen, aber am Anfang der Oper ist es mir akkurat so vorgekommen, als wäre alles, das Riesenorchester und die Sänger, die so furchtbar schreien, und der Chor und diese Finsternis auf der Bühne ein einziges Durcheinander. Es hat so schrecklisch falsch geklungen; aber wenn man genau hinhört, merkt man doch, daß es Absicht ist, und hie und da hörte ich - verzeihen Sie, ich sollte das wohl überhaupt nicht sagen - quasi eine Insel aus einer mir bekannten Tonwelt ... ich weiß nicht, wie ich das sagen soll. Es ist mir so fremd. Und diese Inseln sind, entschuldigens', banal. Aber großartig ist wohl das andere, das ich nicht verstanden habe-
...
Ich will nichts gegen den Herrn sagen, steht mir nicht zu; wird wohl so gehören die Musik. Nur: die Oper ist schon unmäßig lang.
...
- als ob es heldenhaft wäre, eine Oper von sechs Stunden zu schreiben. Höchstens ist es heldenmäßig eine solche Oper anzuhören.
Dies lässt Herbert Rosendorfer Mozart nach "Genuß" einer Wagner Oper in "Eine Begegnung im Park sagen. (Rosendorfer mag übrigens beide Komponisten.)

Im übrigen habe ich ja von nachgemachtem Wagner geschrieben.

Zum Wurzelsepp:

- May hat den WzG nach dem Schlaganfall seines Vaters begonnen und kurze Zeit nach dessen Tod beendet. Es wäre eher ein Wunder, wenn dieses Ereignis, das ihn immerhin so getroffen hat, dass er wochenlang überhaupt nichts schrieb (schreiben konnte) keinen literarischen Niederschlag gefunden hätte.


Helmut

PS.: Gestern (eigentlich schon vorgestern) hat uns die Deutsche Bahn auf unserer Rückreise von Freiburg über Mannheim (zum Umsteigen) geleitet. Wir waren da sogar ganze 5 Minuten auf dem Bahnhof. winking smiley



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 07.01.09 23:34.
Re: Der Weg zum Glück
08. Januar 2009 09:08
Wieso ist Zivilcourage "absolut vernachlässigbar" ?

Außerdem "schnackelt" es einigermaßen heftig bei einem gemeinsamen Konzert, bei dem der musizierende Graf seine Herzensdame nicht unwesentlich beeindruckt.

Leni hat, schweren Herzens ("Sie liebte ihn ja noch immer, obgleich sie es sich selbst nicht eingestand"winking smiley, einsehen müssen, daß es mit Anton und ihr nichts wird.

Und ob sie sich nun in den Grafen wirklich richtig verliebt (was das denn nun genau ist, wäre auch interessant zu klären; wie sagte Hüsch in möglicherweise anderem Zusammenhang, "Biochemie mit Überbau"; viele plappern ja nur worthülsig davon (von Liebe) und wissen gar nicht wovon sie reden) oder einfach, weil sie eine junge Frau ist die natürlich gerne einen Partner hätte, zugreift, wenn die diversen Voraussetzungen halt einigermaßen oder auch recht gut stimmen (eine Art Optimierungsproblem bzw. -thematik ...) oder eben eine wie auch immer geartete Mischung aus diesen beiden Grundvarianten vorliegt, "an den Hals werfen" ist es nicht.

"Sie war in den Empfangssalon geschlüpft und stand dort hinter den Gardinen am Fenster. Ihr Busen wogte, ihr Herz klopfte so stürmisch. Was war mit ihr geschehen?

Hatte sie nicht bisher den Krickelanton geliebt? Hatte sie sich nicht elend gefühlt, da er für sie verloren war? Und heute hatte sie erkennen müssen, daß er ihrer Liebe nicht werth sei und daß ihre Lebenswege sich in Zukunft niemals wieder berühren könnten?

Hätte sie durch diese Erkenntniß nicht eigentlich niedergeschmettert werden müssen? Hätte sie nicht darüber weinen müssen, weinen immerfort? Gewiß!

Und nun? Weinte sie? Nein. Fühlte sie sich unglücklich? Abermals nein. Es war im Gegentheile in ihr die Empfindung erwacht, als ob sie neugeboren sei, als ob sie erst heute zu leben beginne. Die ganze schwere, trübe Vergangenheit war versunken und vor ihr flammte eine Helle auf, in welche sie nicht zu blicken wagte. Sie fürchtete, geblendet zu werden."

Ich sehe in diesen Zeilen übrigens keine Spur von Kitsch oder dgl. (allenfalls stilistisch; inhaltlich nicht), sondern eine gute Beschreibung innerlicher Zustände bzw. Empfindungen.

*

Daß es "zum klärendem Gespräch mit seinen Eltern erst nach dem 'Erweckungserlebnis' mit Leni" kommt, ist ja durchaus möglich, ich schrieb ja schon, daß ich mich so konkret nicht erinnere. Die Sache mir den Eltern habe ich aber als das deutlich wesentlichere Ereignis in Erinnerung. Erst da wird der Anton richtig "erwischt", kathartisch, wenn man so will.

*

Mark Twain hat sich auch sehr hübsch zu Wagner geäußert (tatsächlich zu "Lohengrin" in Mannheim, u.a.) Ich mag ihn trotzdem. Es kann ja nicht jeder alles mögen bzw. einen Draht dazu haben.

winking smiley
Re: Der Weg zum Glück
08. Januar 2009 09:16
Aus einer Deutschlandfunk-Rezension (paßt durchaus noch zum Thema, weil Wagner ja eine gewisse Rolle im "Weg zum Glück" spielt):

Noch rätselhafter als die in Deutschland lebenden Tiere erscheinen allerdings Mark Twain die deutschen Menschen. Als er in Mannheim die Oper "Lohengrin" besucht, bekommt er im Gegensatz zu den deutschen Besuchern "Zahnschmerzen in der Magengegend":

Gegen Neun Uhr kam noch einmal eine Pause von einer halben Stunde. Aber inzwischen hatte ich soviel durchgemacht, dass all meine Lebensgeister hin waren und ich nur noch einen einzigen Wunsch besaß, nämlich: in Frieden gelassen zu werden. Ich möchte nicht zu verstehen geben, dass es all den anderen Leuten genauso wie mir ergangen sei. Denn das war wahrhaftig nicht der Fall. Ob sie diesen Lärm von Natur aus schätzten oder ob sie durch Gewöhnung gelernt hatten, ihn gern zu haben, wusste ich zu der Zeit nicht. Aber sie hatten ihn gern. Das war mehr als deutlich. Solange er andauerte, saßen sie da und sahen so hingerissen dankbar aus wie Katzen, wenn man ihnen den Rücken streichelt.


winking smiley
Re: Der Weg zum Glück
08. Januar 2009 17:53
Mit der zitierten Liebesgeschichte wird mein Argument des "Wanda"-Syndroms in keiner Weise entkräftet. Wesentlich ist (für mich) dabei, dass sie ganz plötzlich auf all das was ihre mühsam gegen den Krikelanton am Beginn des Roman behauptet Selbstständigkeit angeht, dass sie einfach bereit ist, dies alles aufzugeben.
Und genau das ist für mich Kolportage-Kitsch in hoher Potenz.

Das "Erweckungserlebnis" war für Anton schon deshalb notwendig, denn sonst wäre er ja nie zu seinen Eltern gegangen, so wie er vorher über sie redet.

Was mir ganz einfach immer mehr und mehr auf den Senkel geht, ist dies Gleichsetzen von "adelig" mit "edel".
Da hat May ja nun wirklich ganz phantastisch gute Ansätze, was die Wirklichkeit angeht und das Elend der einfachen Leute, und manche der Adeligen sind ja auch als widerliche Schufte gezeichnet, aber trotzdem werden dann nur die Adeligen gegen andere Adelige ausgewechselt, zusätzlich werden noch einige der Bürgerlichen geadelt, und schon ist wieder alles in bester Ordnung.
Und wenn dann noch irgendwas fehlt, dann taucht der gottgleiche Ludwig II auf, und stiftet aus seiner Privatschatulle eine neue Dorfkirche.
Das jener Ludwig II kurz davor stand, "sein" Königreich durch seine Prunksucht in den Staatsbankrott zu treiben (und auch noch das Geld, dass er von Bismarck (und damit eigentlich Preußen) für sein Zujubeln für den Kaiser Wilhelm I, erhalten hatte und immer noch erhielt, mit zu verprassen); und dass die letzte Chance war diesen Staatsbankrott zu verhindern ihn für unzurechnungsfähig zu erklären, davon liest man hier kein Wort. Dass dieses Handeln richtig war, zeigt sich ja am Aufblühen Bayern unter Ludwigs Nachfolger dem Prinzregenten Luitpold, der auf all diesen Protz verzichtet hat.

Von anderen Möglichkeiten gesellschaftliche Mißstände zu beseitigen liest man bei May im übrigen auch nicht. Dabei wäre es ja z.B. nach Leipzig, wo es einen Reichstagsabgeordneten August Bebel gab, gar nicht so weit gewesen.
Aber nein, er hat statt dessen lieber mit dem bayrischen Königshaus Briefe gewechselt, dieser "soziale Aufsteiger" und "Möchtegern Großbourgois" Karl May.

Hier ist jetzt (meine ich) folgende Nebenbemerkung notwendig:
Diese letzten Ausfälle Mays gegenüber sind alles andere als "böse" gemeint, denn sie treffen mich (ganz persönlich) auch mit. Denn ich kann da sehr gut mitreden, in meinem Fall ebenso als "sozialer Aufsteiger" und "Möchtegern Intellektueller". Nur war bei mir die Biographie geradlinig im Gegensatz zur Mayschen gebrochenen.
Und ich weiss, wie schwierig (und manchmal auch schmerzhaft) es ist, genügend Selbstbewußtsein anzusammeln um da raus zu kommen.

Helmut



2-mal bearbeitet. Zuletzt am 08.01.09 17:56.
Re: Der Weg zum Glück
08. Januar 2009 20:40
Wieso gibt sie denn Selbständigkeit auf wenn sie sich für eine Partnerschaft entscheidet. Und wieso Kolportage-Kitsch. Oft ist es nur unsere Unfähigkeit, über Schubladisieren und Eintüten nach gängigem Muster hinaus die Dinge richtig zu sehen. Hat mich neulich schon bei Jim Knopf geärgert, jetzt kann ich es endlich mal anbringen: da gab's Silvester in irgendeinem Dritten alle Folgen, die habe ich aufgezeichnet und mir nacheinander angesehen. Und der zusammenfassende Sprecher sagte bei der zweiten oder dritten Folge am Anfang, Jim habe "solange gebettelt", bis Lukas ihn mitgenommen habe. Das stimmt überhaupt nicht. Jim hat sich aus Solidarität und freien Stücken sofort entschlossen, mitzugehen, und Lukas hat das verstanden und erfreut und angenehm berührt zugestimmt. Da gab es weder Betteln noch langes Zögern. Könnseauchmalnachlesen, Omnibus-TB, S. 24.

Quote

Dass dieses Handeln richtig war

Du liebe Zeit ...

Also ich persönlich befasse mich lieber (bzw. erfreue mich daran) mit Neuschwanstein, Herrenchiemsee oder der Realisierung der Pläne Richard Wagners durch Ludwig, oder auch mit der Psychologie Jim Knopfs, als mit der Befindlichkeit des Volkes in Bayern anno sonstwie (die Bayern mögen außerdem ihren Kini ja heute noch, und das ist auch gut so; befreit die Leut' doch nicht immer von Dingen die sie gar nicht stören), aber die Geschmäcker und Ansichten sind halt verschieden ... Kommt der Mann anno 2009 ernsthaft mit August Bebel um die Ecke ... Cafehaussozialistische Bastelstunde ?

winking smiley
Re: Der Weg zum Glück
08. Januar 2009 23:11
Quote

Wieso gibt sie denn Selbständigkeit auf wenn sie sich für eine Partnerschaft entscheidet. Und wieso Kolportage-Kitsch.
Natürlich nicht dadurch (so doof bin ich nun auch wieder nicht). Sondern dadurch, dass sie ihrem Grafen von Trantüte genau das anbietet, was sie anfangs dem Anton beharrlich (und zwar zu recht, wie ich finde) verweigert, nämlich das ganze Künstlerdasein aufzugeben und nur noch für ihn (dem Grafen von und zu Trantüte) dazusein und nur noch für ihn (dem Grafen von und zu Trantüte) ein wenig zu singen (und höchstens vielleicht noch ein wenig in der Kirche) !

Quote

Du liebe Zeit ...

Also ich persönlich befasse mich lieber (bzw. erfreue mich daran) mit Neuschwanstein, Herrenchiemsee oder der Realisierung der Pläne Richard Wagners durch Ludwig, oder auch mit der Psychologie Jim Knopfs, als mit der Befindlichkeit des Volkes in Bayern anno sonstwie (die Bayern mögen außerdem ihren Kini ja heute noch, und das ist auch gut so; befreit die Leut' doch nicht immer von Dingen die sie gar nicht stören), aber die Geschmäcker und Ansichten sind halt verschieden ... Kommt der Mann anno 2009 ernsthaft mit August Bebel um die Ecke ... Cafehaussozialistische Bastelstunde ?

Also ich habe mich schon immer mehr für (meine Mit-)Menschen und deren Wohlergehen interessiert, als für irgendwelches mehr oder weniger totes Zeugs; und darauf bin ich auch noch (dummerweise) stolz!
(Und im übrigen ist Bebel ein Zeitgenosse Mays, er war gerade mal 2 Jahre älter!)

Helmut



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 08.01.09 23:16.
Re: Der Weg zum Glück
09. Januar 2009 08:58
Von "doof" ist ja keine Rede; anderer Meinung zu sein bis hin zu sozusagen "auf einem anderen Planeten sitzen" muß ja nicht heißen, daß man den anderen für doof hält. (Gelegentlich mag auch das vorkommen, zumindest partiell, aber im konkreten Fall nicht.)

Das muß ich nochmal nachlesen, ob die Leni für den Grafen alles aufgibt, ich finde bestimmt einen Unterschied (ihm gegenüber verglichen mit Anton gegenüber), komme aber im Moment eh nicht dazu.

winking smiley

Quote

Und im übrigen ist Bebel ein Zeitgenosse Mays

Wenn der sich heute seine SPD, die Schröders, Clements usw. anschaut, wird er sich auch fragen, wofür haben wir uns damals eigentlich so abgerackert ... Aber warum soll es ihm anders gehen als z.B. den Gründungsmitgliedern der KMG in ein paar Jahrzehnten, die werden auch nichts mehr wiedererkennen. Das ist der Lauf der Welt.

winking smiley

Stolz, jenun ... Ich hab's nicht mehr so mit dem weltverbessernden Idealismus; wie heißt es irgendwo bei Hüsch sinngemäß ähnlich, Harald und Monika betreiben ihre Selbstverwirklichung jetzt in Nicaragua, weil sie in Castrop-Rauxel damit nicht zurechtkamen ...

„Es folgt, es folgte auch bei mir, die schöne Lebensepoche, wo man »ganz bei sich« selber ist und im vollen Einklang mit den Welt-Einbildungen wie auf dem Vitalitätszenit, den sie ermöglichen. Ein wirklich hinreißendes Jahrdutzend, in dem man mit voller Inbrunst zu jedem Quatsch aufgelegt und ausgerüstet ist, die Verbesserung der Welt plant und deren Eignung dafür ganz selbst-verständlich voraussetzt, sich mit produktiver Verve an den praktisch-vernünftigen, von den Grundantrieben unterstützten Wahngebilden der Gesellschaft beteiligt, also an Politik, an Aufklärungskonzepten, an Unternehmungen der Nächstenliebe und dergleichen mehr. Kurzum, man glaubt an ›den Menschen‹, und das steht einem ja auch allerliebst und putzt ungemein. Bei glücklich disponierten Naturen kann diese Phase sich lange halten, wenn es gelingt, den Erkenntnisprozeß als Lernprozeß zum Stillstand zu bringen, wozu erreichte Berufsziele, hedonistische Saturiertheit, Öffentlichkeitsapplaus und dergleichen gute Hilfe leisten. Mir war, ich gestehe das beklommen ein, diese schöne Zeit nicht lange beschieden“ (Hans Wollschläger, Anderrede vom Weltgebäude herab)

"Müssen die Arbeiter in der Krise stillhalten" stand auf einem Plakat vor dem Schulhof vor ca. 35 Jahren. Das fanden eine Mitschülerin und ich damals schon komisch. Wir hatten sozusagen ganz andere Sorgen. Und in den Tagebüchern von Sandor Marais habe ich gestern auch gerade gelesen, daß Dostojewski (und Marais selber) eines Tages feststellen mußte, daß die Leut' auf die Aufhebung von Klassenunterschieden gar nicht Wert legen. Bissel besser leben wollen sie, ja, aber mehr auch nicht.

(Der Fatalist zum Freitag)

winking smiley
Re: Der Weg zum Glück
09. Januar 2009 18:14
Quote

» Aber wenn ich einem Manne angehöre, so will ich vor allen Dingen sein Eigenthum sein. Dann entsage ich dem Theater und singe nur noch in der Kirche und im Concerte.«
[Karl Mays Werke: Der Weg zum Glück, S. 5270. Digitale Bibliothek Band 77: Karl Mays Werke, S. 35030 (vgl. KMW-II.31, S. 3409-3410)]

und

Quote

» Ich lebe für Dich und ich - - singe auch für Dich!«
[Karl Mays Werke: Der Weg zum Glück, S. 5271. Digitale Bibliothek Band 77: Karl Mays Werke, S. 35031 (vgl. KMW-II.31, S. 3411)]

Na gut, dass "im Concerte" habe ich unterschlagen, und man mag das vielleicht mit "wenn man eben den/die Richtige/n gefunden hat" psychologisierend verbrämen, aber es steht eben genau so da!


Mit den "starken" und "selbstständigen" Frauen hatte May (wie so viele seiner Zeitgenossen) eben so seine Probleme.
Auffallend ist, dass solche Figuren entweder "böse" sind oder werden (Josefa Corteja, Judith Silberstein, "Samiel", usw.), oder wenn sie den Richtigen gefunden haben, eben wieder nur noch ganz Frau sind (Wanda, Emilia (aus dem Waldröschen), und eben auch die Muhrenleni).
Erst im Spätwerk löst sich dieses Schema auf, da gibt es dann Frauen vom Typ Schakara und Herzle (nicht zu vergessen).
Man könnte daraus schliessen (und ich tue dies mal unverschämterweise), dass er erst seinen "Ärger" und die sonstigen Probleme mit Emma loswerden musste (und diese sich z.B. mit der "Pollmer-Studie" endgültig von der "Seele schreiben musste"winking smiley, bevor er einen normaleren Umgang auch mit "starken Frauen" pflegen konnte.

Und im übrigen, dass mit dem "weltverbessernden Idealismus" ist eben leider das mittlerweile übliche mit dem man das, was mal selbstverständlich war, so einfach ab tut.

Helmut



2-mal bearbeitet. Zuletzt am 09.01.09 18:16.
Re: Der Weg zum Glück
09. Januar 2009 18:49
Quote

psychologisierend verbrämen

Von 'Gulaschpsychologie' u.ä. ist auch gern die Rede, nur zu. Mich kratzt das nicht mehr, belächelt zu werden ("Sie sind zu klug, sie sind zu weise ..."winking smiley.

Quote

Mit den "starken" und "selbstständigen" Frauen hatte May (wie so viele seiner Zeitgenossen) eben so seine Probleme.

Na klar. Ich hab' sie manchmal heute noch. Was aber ganz auf den jeweiligen Fall ankommt. War bei May übrigens auch so: nicht generell hatte er diese Probleme, aber aus gutem Grund des öfteren schon.

Aber es ist schon richtig beobachtet. Ich glaube er war ziemlich spießig in dieser Hinsicht (aber wer war das damals nicht).

Mit Emma hat das m.E. aber nicht allzu viel zu tun, die war ja in dem Sinne weder stark noch selbständig. (Die 'Sau rauslassen' und wie ein Kind Grenzen austesten ist ja nicht gleich Stärke und Selbständigkeit)

Quote

Und im übrigen, dass mit dem "weltverbessernden Idealismus" ist eben leider das mittlerweile übliche mit dem man das, was mal selbstverständlich war, so einfach ab tut.

Du kannst ganz beruhigt sein, es gibt noch genug andere. Aber sie werden offenbar tatsächlich weniger als früher. Es merken heute offenbar mehr Leute als früher wie sehr sie verscheißert werden, ist auch kein Kunststück, es wird ja wirklich immer offensichtlicher.

Mit Begriffen wie Moral, Ehrgefühl usw. kann ich durchaus etwas anfangen. Aber ich gehe sehr individuell damit um, und nicht nach Schemata oder floskelhaft. Und bin halt der Meinung, im Kleinen kann man etwas ändern, in seinem persönlichen Bereich. Im Großen nicht. Und bevor man die Welt rettet, sollte man vielleicht mal bei sich selbst anfangen.
Re: Der Weg zum Glück
09. Januar 2009 19:02
Quote

Mit Emma hat das m.E. aber nicht allzu viel zu tun, die war ja in dem Sinne weder stark noch selbständig.

Es kommt natürlich nicht darauf an, wie Emma war, sondern wie May sie sah.
Und wenn man da der Pollmer-Studie folgt, dann passt's irgendwie doch.

Ich habe übrigens selber aus gutem Grund nie von "Welt verbessern" geschrieben, sondern
Quote

Also ich habe mich schon immer mehr für (meine Mit-)Menschen und deren Wohlergehen interessiert, als für irgendwelches mehr oder weniger totes Zeugs;
und dies als "weltverbessernden Idealismus" zu bezeichnen, ist schon ziemlich "grenzwertig", d.h. zur Grenze der Beleidigung hin. Darauf wollte ich nur hingewiesen haben.

Helmut
Re: Der Weg zum Glück
09. Januar 2009 20:25
Ihr immer mit euren Beleidigungen ... ich formuliere locker flockig hemdsärmelig so vor mich hin und denke mir nichts böses dabei, und schon ist wieder einer beleidigt ... wie sagt man hier so schön, Ach Gott Ihr Leit ...

eye rolling smiley

Inhaltlich ist der Vorwurf auch putzig; "weltverbessernder Idealismus" ist eine Beleidigung; Aha.

eye rolling smiley



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 09.01.09 20:28.
Re: Der Weg zum Glück
09. Januar 2009 21:48
Quote

...denke mir nichts böses dabei...
Wissen wir.
Würde aber manchmal nichts schaden.

Nicht ganz überraschend seh ich das übrigens ähnlich wie Helmut. Mays Drang zum Ende des Romans alle Protagonisten unter die Haube zu bringen, ist in den Kolportageromanen ziemlich nervig.
Ich betrachte das als Mays Zugeständnis an die Happy-End-bedürftigen Dienstmädchen in seiner Zielgruppe.
Die brauchten eine spannend charakterisierte Identifikationsfigur. Und die kriegte dann den Prinzen. Denn die Dienstmädels von damals träumten vermutlich eher von reicher Heirat & der ewigen Liebe (Reihenfolge bewusst so herum) als von der Weltrevolution.

Ich mag "Weg zum Glück" nicht so, weil er vom Personal her großteils einfach nur gefällig ist. Es gibt natürlich Ausnahmen - aber entweder wechselt die Charakterisierung oder sie sind keine (dauerhaft) tragende Rolle.

ta



2-mal bearbeitet. Zuletzt am 10.01.09 18:03.
Re: Der Weg zum Glück
09. Januar 2009 21:58
Quote

Würde aber manchmal nichts schaden.

Na gut, dann denke ich mir in Zukunft böses dabei.

grinning smiley

winking smiley
Re: Der Weg zum Glück
10. Januar 2009 09:07
Denken allein reicht schon.


Ich wollte noch nachtragen, dass ich beim Wiederlesen des "Wegs zum Glück" den Dialekt erträglich fand. Hatte ich deutlich schlimmer in Erinnerung. Das kann mir also nicht mehr als Vorwand taugen, den Roman jetzt wieder fünfzehn Jahre liegen zu lassen.

Jenny
Re: Der Weg zum Glück
10. Januar 2009 17:57
Der Rüdiger wirds aber auch nie lernen, das genaue Nachlesen meiner Beiträge.
Da schreibe ich, dass das Gleichsetzen des Interesses für (seine Mit-)Menschen mit weltverbessernden Idealismus an eine Beleidigung grenzt.
Und was schreibt er, ich würde weltverbessernden Idealismus als Beleidigung bezeichnen.
Ich gebe ja zu, so Meta-Argumentationen sind manchmal wirklich nicht leicht zu verstehen, aber ein wenig mehr Mühe (des Verstehenwollens) dürfte schon sein.
(hupf)
Vielleicht würde er dann ja auch verstehen können, dass
Quote

Ich habe übrigens selber aus gutem Grund nie von "Welt verbessern" geschrieben, sondern

Zitat:
Also ich habe mich schon immer mehr für (meine Mit-)Menschen und deren Wohlergehen interessiert, als für irgendwelches mehr oder weniger totes Zeugs;

und dies als "weltverbessernden Idealismus" zu bezeichnen, ist schon ziemlich "grenzwertig", d.h. zur Grenze der Beleidigung hin. Darauf wollte ich nur hingewiesen haben.
noch lange nicht heissen muss oder soll, dass ich etwa beleidigt wäre; denn ich/er kennt/e ja m/seine Pappen/Mannheimer. (ist nicht dieses Jahr auch Schillerjahr?)
(hupf)

Helmut



2-mal bearbeitet. Zuletzt am 10.01.09 17:59.
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