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Leserunde „Im Wilden Westen“ – chronologisch

geschrieben von mugwort 
Leserunde „Im Wilden Westen“ – chronologisch
22. Juni 2016 22:28
Ich trete heute eine Zeitreise an. Eine Zeitreise in den Teil des May-Universums, den wir für gewöhnlich den „Wilden Westen“ nennen. Sie beginnt im Jahr 1875 in New Orleans bei Inn-nu-woh, dem „best‘ Schwimm‘ in United-States“, und endet 34 Jahre später am Mount Winnetou. Stationen dieser Reise werden alle Texte Mays mit Schauplatz im Wilden Westen sein, möglichst in der Reihenfolge ihrer ENTSTEHUNG (mithin nicht, wie in Hans IMGRAMs entzückender Chronik, in der Reihenfolge, in der ICH sie erlebt hat). Gerne mit dem einen oder anderen Seitenblick auf das, was zwischendurch und zeitgleich an anderen Schauplätzen des Mayschen Universums geschehen ist. Mir schwant, dass hier Untiefen zu entdecken sind. Was hatte denn der gute Shatterhand schon hinter sich, als er als Kara seinen Halef traf? Surveyor war er wohl noch nicht gewesen (anders, als das reisende ICH, retrospektiv). War er überhaupt schon unter uns, so, wie wir ihn kennen, als der Effendi aus Nemsistan den Toten im Wadi Tarfaui fand???

Wer geht mit? Vielleicht auch nur einen Teil des Weges?

Soweit meine Erkenntnisse reichen, beginnt es zunächst mit

1. Inn-nu-woh
2. Old Firehand
3. Der Oelprinz (und hier wird es schon sperrig, wie der Blick in den editorischen Bericht der HKA verrät – was war wohl zuerst: Feuer oder Öl???)

Viele Grüße, bis bald

mugwort
(zuversichtlich hoffend, dass es wirklich eine Leserunde und kein Monolog wird....)
Re: Leserunde „Im Wilden Westen“ – chronologisch
23. Juni 2016 09:15
"Auf der See gefangen" folgt dann, dazu hier:
[www.karl-may-franken.de]

Ein (kleiner) Teil des ersten Orientromans mit dem Titel "Leilet" (später wurde daraus "Senitza"winking smiley stammt aus der gleichen Zeit wie "Old Firehand".
Als May den Orientzyklus (im "Hausscahtz"winking smiley begann, wusste er wohl noch nicht, dass OS und KBN identisch sind, denn KBN "fliegen" die "Zaubergewehre" erst später zu.

Helmut
Re: Leserunde „Im Wilden Westen“ – chronologisch
23. Juni 2016 11:12
Helmut schrieb:
-------------------------------------------------------
> "Auf der See gefangen" folgt dann, dazu hier:
> [www.karl-may-franken.de]
> der_see.htm
>
> Ein (kleiner) Teil des ersten Orientromans mit dem
> Titel "Leilet" (später wurde daraus "Senitza"winking smiley
> stammt aus der gleichen Zeit wie "Old Firehand".
> Als May den Orientzyklus (im "Hausscahtz"winking smiley begann,
> wusste er wohl noch nicht, dass OS und KBN
> identisch sind, denn KBN "fliegen" die
> "Zaubergewehre" erst später zu.
>
> Helmut

Danke für den Link - "Auf der See..." wird ein spannender Teil der Zeitreise - gerade im Hinblick auf die Entwicklung der Figuren, ggf. auch bezüglich der Datierung. Werner Poppe geht davon aus, dass "Auf der See..." vor Old Firehand geschrieben, wenn auch danach veröffentlicht wurde (siehe: "Winnetou. Ein Name und seine Quellen", in: Sudhoff/ Vollmer, Hrsg., Karl Mays "Winnetou" ). Dies scheint zwar nicht der aktuelle Forschungsstand zu sein, hat sich aber doch als Idee bzw. Fragestellung in meinem Hinterkopf festgesetzt.

Vielleicht kommt die HKA ja noch rechtzeitig zur Leserunde???



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 29.08.16 16:59.
Re: Leserunde „Im Wilden Westen“ – chronologisch
24. Juni 2016 07:29
Hallo Mugwort,
ja bei der Leserunde würde ich gerne mitmachen. Habe mir gestern auch schon meinen "Frohe Stunden"- Reprint mit der "Der Ölprinz" rausgesucht, bin aber noch bei dem Vorwort des Reprints hängengeblieben, wo es um die Datierungsfrage geht, bzw. um den Erscheinungszeitpunkt der einzelnen Hefte. Den HKA-Band mit "Der Ölprinz" habe ich nicht, aber dort dürfte ja der neuste Forschungsstand erläutert sein. Ich finde die Frage nach dem "Werden des Helden" auch sehr interessant und freue mich auf eine anregende Leserunde!
Re: Leserunde „Im Wilden Westen“ – chronologisch
24. Juni 2016 09:56
Der HKA-Band, der den Ölprinz enthält ist "Aus der Mappe eines Vielgereisten", "Auf der See gefangen" ist erst für den nächsten Band vorgesehen und der ist noch nicht erschienen. Das einzige (mehr oder weniger) verlässliche Indiz für die Entstehungszeiten der Erzählungen ist der Zeitpunkt des (bisher entdeckten) frühesten Abdrucks; und da ist die Reihenfolge "Innuwoh - Old Firehand (beide 1875) - Der Ölprinz (1877) und Auf der See gefangen (Nov. 1877)".
Ein mögliches Indiz für die Umkehrung der Reihenfolge wäre vielleicht die Figur des Old Firehand, die in "Auf der See .." (und nur dort) noch Sam Firegun heißt.

Helmut
Re: Leserunde „Im Wilden Westen“ – chronologisch
25. Juni 2016 13:15
Umkehrung wäre es trotzdem noch nicht.

Ich bin geneigt Walther Ilmer zuzustimmen, der "Inn-nu-woh" für die geheimnisvolle erste Indianererzählung hielt, die May als Seminarist 1858 an die "Gartenlaube" schickte.
Re: Leserunde „Im Wilden Westen“ – chronologisch
25. Juni 2016 13:30
Ich glaube soweit war er im Alter von 16 Jahren noch nicht.
Re: Leserunde „Im Wilden Westen“ – chronologisch
25. Juni 2016 14:51
Ich halte nichts davon, sowas zu einer Glaubensfrage zu machen.
Re: Leserunde „Im Wilden Westen“ – chronologisch
25. Juni 2016 17:38
Station 1 der Reise – "Inn-nu-woh" – ist absolviert (Text: HKA, Band I.8 – Aus der Mappe eines Vielgereisten).

Nach dem editorischen Bericht wurde die Erzählung erstmals im September 1875 unter dem Reihentitel „Aus der Mappe eines Vielgereisten“ in Heft 1 der von May im Münchmeyer-Verlag gegründeten und redigierten Zeitschrift „Deutsches Familienblatt“ gedruckt.

Die Sekundärliteratur bietet (soweit bei überschlägiger Suche gefunden, ich will in erster Linie lesen, nicht recherchieren) als Inspiration für May zwei Quellen an: Den Text „New Orleans“ von Friedrich Gerstäcker, veröffentlicht im Jahr 1846 (sic!) in der Zeitschrift „Das Ausland“ (siehe Andreas Graf, Von Öl- und anderen Quellen. Texte Friedrich Gerstäckers als Vorbilder für Karl Mays „Old Firehand“, „Der Schatz im Silbersee“ und „Inn-nu-woh“, in: Jahrbuch KMB 1997, S. 331) und ein Bild von einem auf einem Schiff ausgebrochenen Leoparden in der Zeitschrift „Illustrirte Chronik der Zeit“, erschienen wohl im November 1874 (siehe Joachim Biermann, Wilhelm Vinzenz, Anmerkungen zu Inn-nu-woh und New Orleans, in: Mitteilung der KMG Nr. 150, S. 29).

Erste Eindrücke der Lektüre (hochgradig subjektiv, versteht sich):

Eine schöne, runde kleine Erzählung. Der Sprachduktus gefällt mir, flüssig und – irgendwie – schon so typisch May. Hübsch, wie sich zu dem GELBEN Jack das SCHWARZE Fieber gesellt (auch wenn Tante Google auf die Schnelle zwei Erklärungen für das schwarze Fieber angeboten hat). Klar, dass sich die Aristrokratie UNSICHTBAR gemacht hat (es wäre ja zu einfach, wenn sie abgereist wäre). Entzückend, dieser kleine Satz „So, dazu gehört viel.“ (Ich höre hier sofort Peter Sodann als Kara Ben Nemsi. Da muss dieses „So“ oft vorkommen, sonst säße es nicht - so - hartnäckig in meinem Ohr). Inn-nu-woh sitzt nun nicht einfach auf einem Käfig, sondern hat auf der SOMMERLOGIS des Löwen Platz genommen und signalisiert mit einer „leichten, abweisenden Handbewegung“ (man ahnt schon den Winnetou!), dass es ihm dort sehr wohl behagt (trotz der Brüllerei). Die Rettungsaktion ist natürlich atemberaubend, so richtig und original May. Einmal in das Reich der Phantasie entführt, glaube ich beim Lesen jedes Wort. Auch wenn es schlicht nicht sein kann: Erst einmal angesichts der geschilderten Entfernungen auf dem Schiff noch VOR dem Tiger bei dem Mädchen ankommen, dann mit der Bewußtlosen fünf Minunten "haschen" mit einem Tiger spielen, anschließend UNTER einem Schiff durchtauchen, von besagtem Tiger und Krokodilen verfolgt! Das KANN auch bei einem best' Schwimm' in United States nicht funktionieren. Aber egal, bei Karl May funktioniert es und ich gehe gerne mit. Treffsicher in Ton und Inhalt auch die einzigen beiden Sätze, die Inn-nu-woh sprechen darf. Hach wie schön: Da darf man als Lady auch einfach mal sagen: SO und von DEM möchte ich mich im Traumland auch retten lassen ;-)

Doch nun zu den Auffälligkeiten, die für die weitere Lektüre im Hinterkopf bleiben werden:

Über den Ich-Erzähler erfahren wir wenig. Er ist in New Orleans gewesen (warum auch immer) und möchte nach St. Louis, wo Verwandte ihn erwarten. Das passt nicht 100 %ig zu dem Typus „weltreisender Schriftsteller aus Deutschland", an den man nicht nur mit dem Blick auf die späteren Werke Mays denkt, sondern den vor allem auch der Reihentitel "Aus der Mappe eines Vielgereisten" nahelegt - vielleicht DOCH eine Erzählung, die älter ist als die Erfindung des Reihentitels und die May dann schnell verwendet hat, weil keine Zeit blieb, extra etwas neues zu schreiben??? Generell erscheinen die Reisen des Ich-Erzählers noch recht zivilsationsnah: Von den "dark and bloody grounds" ist noch keine Rede, einen Koffer hat er dabei, er logiert in Hotels und seine Freundschaft mit Foster, dem Tierbändiger, rührt aus Aufenthalten in Boston, New-York und Charlestown her. Er scheint auch noch eher normalmutig veranlagt zu sein - das Heldentum ist Inn-nu-woh alleine vorbehalten.

Ned, der „alte grauköpfige Neger“, liest sich – wie später typisch für den „Masser Bob-Sprech“ in gebrochenem Deutsch. Ein Phänomen, dem ich mich doch gerne noch einmal widmen möchte (was soll das und was wollte May damit?) – aber nicht an dieser Stelle. JETZT möchte ich eine LESErunde, eine Reise in das May-Universium - keine Forschungsexpedition in die Untiefen der Sprachgeschichte und Sprachstereotypen der letzten 2 Jahrhunderte (wobei ich entsprechende fachkundige Exkursionen anderer gerne in meinen Wissenschatz integriere!).

Die Sprache Inn-nu-wohs ist undifferenziert – in den zwei Sätzen, die ihm gegönnt werden, spricht er sowohl in der „ich“ Form wie auch in der für den „Indianer-Sprech“ so typischen dritten Person „… der rothe Mann ist nur deshalb…".

Und: Was hat May denn eigentlich immer mit dem Schwimmen? Mir ist, als käme das auch im weiteren Werk immer wieder vor - ist nicht in nahezu jeder Erzählung irgendeine Passage mit einem genialen Schwimmer? Oder wenigstens einem Subtalentierten - ich denke an Old Wabble und seine Hosenträger...?

Und diese Idee, dass "Nigger" die schlimmste für einen Indianer überhaupt ist - welches Verhältnis von Indiandern und Schwarzen zeichnet May da? Wo hat er das her? Ist da historisch "was dran"?

So. Ich treffe mich jetzt mit Old Firehand. Das ausgebrochene Raubtier werde ich wieder treffen - bei „Winnetou“ und auf dem Weg zum „Schatz im Silbersee“.

Bis bald,
mugwort



4-mal bearbeitet. Zuletzt am 04.08.16 19:32.
Re: Leserunde „Im Wilden Westen“ – chronologisch
25. Juni 2016 18:25
JennyFlorstedt schrieb:
-------------------------------------------------------
> Umkehrung wäre es trotzdem noch nicht.
>
> Ich bin geneigt Walther Ilmer zuzustimmen, der
> "Inn-nu-woh" für die geheimnisvolle erste
> Indianererzählung hielt, die May als Seminarist
> 1858 an die "Gartenlaube" schickte.


Bekomme ich einen Literaturtipp, wo Ilmer diese Theorie vertreten hat? Ich bemühe mich immer noch vergeblich um einen Überblick :-(...
Re: Leserunde „Im Wilden Westen“ – chronologisch
26. Juni 2016 12:07
Vielleicht hat er es auch 1875 modifiziert, denn merkwürdig wäre es ja dass er damit als 16 jähriger abgeschmettert wird, mit dem gleichen Text aber 17 Jahre später Erfolg hat.
Andererseits kennen wir das von den Beatles dass die erste Plattenfirma sie ablehnte und sie bei der nächsten Erfolg hatte. Die erste biss sich wohl später in den Allerwertesten.
Re: Leserunde „Im Wilden Westen“ – chronologisch
26. Juni 2016 14:41
In diesen 16 Jahren kann (und wird wahrscheinlich) der "Publikumsgeschmack" sich verändert haben, denn erstens zeigte die allgemeine Schulpflicht ihre Wirkung, d.h. viel mehr Leute konnten jetzt lesen wie vorher, und es mangelte an Lesestoff. Und zweitens war dazwischen der Krieg 1870/71 der für einen starken wirtschaftlichen Aufschwung in Deutschland sorgte.
Die Geschichte mit der "Gartenlaube" 1858 kann man übrigens in der "Karl-May-Chronik" nachlesen.

Helmut
Re: Leserunde „Im Wilden Westen“ – chronologisch
26. Juni 2016 20:31
Ah Quatsch.. mein Fehler... nicht Walter Ilmer, Willi Olbrich vertrat die These. Ich bitte um Entschuldigung.


Ein Argument Olbrichs ist, dass "Inn-nu-woh" im Vergleich zur nahezu zeitgleich erschienenen "Old Firehand"-Erzählung DEUTLICH unreifer erscheint.

Olbrich argumentiert so, dass May als Jung-Redakteur quasi BEWEISEN wollte, dass sein Erstling "Inn-nu-woh" - entgegen der Ansicht des "Gartenlaube"-Herausgebers Ernst Keil - veröffentlichungswürdig war.

In der "Winnetou"-Variante von 1878 hat er dagegen dann Keils Hinweise aufgegriffen oder wenigstens ernst genommen und die Erzählung entsprechend überarbeitet, die dadurch tatsächlich moderner und inhaltlich logischer erscheint.

Nachlesbar ist das in dem Beitrag
Willi Olbrich: Mays erste Indianererzählung. In: Wiener Karl-May-Brief Heft 3/2010. Nachdruck in Karl May in Leipzig Nr. 94, 2013.
Re: Leserunde „Im Wilden Westen“ – chronologisch
26. Juni 2016 20:39
Hallo Mugwort,
ich habe Inn-nu-woh auch nochmal gelesen und mich dabei gut unterhalten. Ja, dass die Helden auch gut schwimmen können, zieht sich wie ein roter Faden durch die Bücher. Seltsamerweise fällt mir beim Thema Karl May und schwimmen immer als erstes das Foto ein, das sich auch in der Chronik Bd.1 findet - Karl May und Emma am Ufer sitzend in einem Boot zusammen mit Fehsenfelds und dazu eine Geschichte von Paula Fehsenfeld über einen Besuch am Titisee. (Chronik 13.6.93) Laut Paula Fehsenfeld konnte May "... der sein Canoe über die Flüsse und Stromschnellen Amerika's steuerte" nicht mit einem Ruderboot umgehen. Sie betont " .. mein Mann und ich konnten schwimmen. M. war nicht im Stande, das Boot zu regieren, er konnte überhaupt nicht rudern..." - und höchstwahrscheinlich auch nicht schwimmen - ebensowenig wie reiten oder schießen. Warum ihm wohl das Schwimmen gerade so wichtig erschien, dass Karl May seine Helden mit dieser Fähigkeit ausstattete? Vielleicht finden wir in der Leserunde ja noch mehr darüber heraus?
Re: Leserunde „Im Wilden Westen“ – chronologisch
27. Juni 2016 17:55
die erzählung ist ja wohl seine erste wirklich gelungene.. gitano, rose von ernstthal oder wanda finde ich nicht so gut... das new orleans-motiv hat er dann in winnetou II wiederverwendet (möglicherweise schon im scout ?), da ist auch mal die rede vom fieber...
Re: Leserunde „Im Wilden Westen“ – chronologisch
03. Juli 2016 23:04
Station 2 der Reise: Lesenotizen zu „Old Firehand“

Text gelesen in der HKA, Band I.8, Aus der Mappe eines Vielgereisten. Erstmals veröffentlicht im „Deutschen Familienblatt“, Oktober bis Dezember 1875, mithin direkt im Anschluss an „Inn-nu-woh“.


Der erste Eindruck nach der Lektüre: Ein für mich ambivalenter Text.


Umwerfend das Intro - wie so oft bei May, sein Gespür für die richtige Ouvertüre ist beeindruckend. Besser kann man es nicht machen.

Hinreißend erzählt auch die Liebesgeschichte zu Ellen, beginnend mit der „Musterung des äußeren Adam“ auf der mit „gelbblühendem Helianthus übersäeten Ebene“ und endend Wochen oder Monate später an der gleichen Stelle mit dem gegenseitigen Eingeständnis der Liebe - nachdem kurz zuvor an Vaters statt Winnetou der jungen Beziehung mit den poetischen Worten „Mein weißer Bruder mache glücklich die Tochter Ribanna’s, der Rose vom Quicourt“ seinen Segen erteilt hat. Diese Liebesgeschichte ist eingebettet in vier weitere, teils leidenschaftliche, teils anrührend zärtliche Liebes- bzw. Beziehungsgeschichten: Die tragisch beendete Verbindung zwischen Old Firehand und Ribanna, die unverfüllte Liebe des jungen Winnetou, die die spätere Verbindung zwischen Old Shatterhand und Winnetou schon andeutende tiefe Freundschaft zwischen Old Firehand und Winnetou und die väterlich-fürsorgliche Zuneigung Winnetous zu Ellen und dem Ich-Erzähler. Die Anschauungen des ICH-Erzählers über die Bestimmung der Frau zur Sanftmut, Liebe und Güte nehme ich vor diesem fulminant erzählten Hintergrund mit einem leichten Stirnrunzeln als zeittypisch hin. Immerhin stellt er mit Ellen eine Frau dar, die tut und kann, was sie will und mit dem Ich-Erzähler einen Mann, der in Sachen Härte und Grausamkeit bei weitem nicht immer das tut, was er könnte - mehr Emanzipation beider Geschlechter kann man wahrlich von einem Schriftsteller des ausgehenden 19. Jahrhundert nicht erwarten.

Das zweite Kapitel, der Eisenbahnüberfall, fällt für mich sprachlich und inhaltlich deutlich gegenüber dem ersten Teil ab: Die Story hakt an allen Ecken und Enden: Wo kommt denn Winnetou auf einmal her? War er mit dem Ich-Erzähler verabredet? Wenn ja, wo und warum? Wie viel Zeit ist seit dem Ölbrand vergangen? Woher wussten Winnetou und der Ich-Erzähler, aus welcher Richtung der Zug kommt? Parranoh wird lebendig skalpiert, ist aber kurze Zeit später wieder quietschfidel mit Perücke unterwegs? Und: Wo ist die sprachliche Gewandheit, das virtuose Spiel mit den Worten geblieben?

Insgesamt entstand bei mir ab dem zweiten Kapitel - abgesehen von den oben genannten Beziehungsgeschichten - der Eindruck, dass May eine „Indianergeschichte“ schreiben wollte, aber noch nicht so recht wusste, was dabei eigentlich mit welcher Intention zu schildern ist, damit die Geschichte lebendig und glaubwürdig wird. Er „fremdelt“ noch sehr mit dem Territorium: Winnetou benimmt sich streckenweise eigenartig: Was soll das mit den Zigarrenstummeln - hat May irgendwo gelesen, das Indianer das angeblich machen? Diese Furchtsamkeit gegenüber der Eisenbahn? Alle Weißen mit Ausnahme des Ich-Erzählers, einschließlich Old Firehand (der doch immerhin eine indianische Frau und mit dieser zwei Kinder hatte) als ausgemachte Indianerfeinde? Da fragt man sich, warum a) sie Winnetou als Freund bezeichnen und b) Winnetou mit so jemandem befreundet sein möchte. Auch das ständige Morden und vor allem das gefühlt auf jeder Seite drei mal beschriebene Skalpieren mutet seltsam an: Fast bin ich geneigt zu vermuten, dass May hier Reise- oder Zeitungsberichte mit entsprechenden Schilderungen gelesen hat, die eine gewisse „schauerige“ Anziehungskraft auf ihn ausgeübt haben. Oder dachte er auch hier, dass das im Wilden Westen eben "so" gemacht wird?

Die Figur des Ich-Erzählers ist wiederum glaubwürdig gelungen. Sie scheint mir schon eine ganz passable Identifikationsfigur für den Autor zu sein: Von deutscher Herkunft, ein Reisender (nur schriftstellert er noch nicht, irgendwann ist mal von der Erkundung von Steinen und Pflanzen die Rede) mit moralischem und gelegentlich nachdenklich-melancholischem Einschlag, ein ab und an als Greenhorn verkannter Westmann mit Henrystutzen im Gepäck, der bei Bedarf ganz selbstverständlich die Rolle des Anführers übernimmt. Gelegentlich spielt er den Westmann auch nur - hübsch zwischen den Zeilen ausgedrückt, als es gegenüber Winnetou den schweigsamen Gefährden mimt, um sich nicht "durch unzeitige Sprachseligkeit die Freundschaft und Achtung seines Begleiters zu verscherzen" (S. 63, Z. 35). Ob ihm da nicht - eigentlich - eine angeregte Plauderei lieber gewesen wäre? Fast scheint es mir so...

Winnetou: Gegenüber dem Ich-Erzähler ist er väterlicher Freund, Lehrmeister und Beschützer. Die intensive, von tiefgehenden Gefühlen getragene Freundschaft schwebt May zwar schon vor - allerdings mit den Protagonisten Winnetou - Old Firehand. Eine äußerliche Beschreibung Winnetous fehlt weitgehend (ich erinnere gerade nur das "scharfgezeichnete" und das "verwetterte" Gesicht), auch das Alter ist nicht explizit angegeben, es läßt sich jedoch vermuten, dass er deutlich älter als der Ich-Erzähler ist (er nennt sich selbst an einer Stelle "Vater der Apachen"winking smiley. Hinsichtlich seines Charakters bleiben die Beschreibungen indifferent: Auf der einen Seite erscheint er schon als kluge, umsichtige und tiefgründige Persönlichkeit mit einer ganz beeindruckenden rhetorischen Begabung, auch mit weitergehenden politischen Absichten (immerhin will er schon zum "weißen Vater" nach Washington), andererseits benimmt er sich (siehe oben) ab und an nicht nur grausam (Skalp!), sondern auch merkwürdig (Zigarren, Eisenbahn). Sprachlich fällt auf, dass Winnetou in der Regel in der "Er-Form" mit leicht verändertem Satzbau spricht, ebenso der Ich-Erzähler in der Kommunikation mit Winnetou. Es wäre interessant zu wissen, wo diese Art des "Indianer-Sprech" eigentlich herkommt. Und es wird zu beobachten sein, ob sich hier in den später geschriebenen Werken Mays etwas verändert. Und als abschließende Randbemerkung: Der Winnetou, den May in Old Firehand beschreibt, passt ziemlich gut zu meiner Vorstellung von Inschu-tschuna...

Ob und inwieweit sich die Beschreibungen/ der Charakter von Old Firehand, Sam Hawkins und Dick (Dik) Stone noch verändern werden, wird bei der weiteren Lektüre zu beobachten sein.

Zur zeitlichen Einordnung des Werkes:
Es fällt mir schwer zu glauben, dass Inn-nu-woh und Old Firehand zeitlich unmittelbar hintereinander entstanden sind. Nicht nur wegen der Entwicklung von Inn-nu-woh zu Winnetou, sondern insbesondere auch wegen der Ausdifferenzierung der Figur des Ich-Erzählers. Die These, bei Inn-nu-woh handele es sich um die in der GARTENLAUBE nicht veröffentlichte erste Indianergeschichte Karl Mays, die Jenny uns oben vorgestellt hat, hat vor diesem Hintergrund Charme. Ob sie wissenschaftlich haltbar ist, vermag ich nicht zu beurteilen.


Zur weiteren Lektüre:
Ich werde im Laufe der Woche zunächst noch ein wenig in der Sekundärliteratur stöbern und meine Nase in die Werke von Mays "Vorbild" Gerstäcker stecken: Für die Ölbrand-Episode soll hier der Text "Im Petroleum" Pate gestanden haben, für den Eisenbahnüberfall der Text „in der Praerie“.


Viele Grüße
mugwort



3-mal bearbeitet. Zuletzt am 04.07.16 08:38.
Re: Leserunde „Im Wilden Westen“ – chronologisch
04. Juli 2016 13:42
Quote

Die Anschauungen des ICH-Erzählers über die Bestimmung der Frau zur Sanftmut, Liebe und Güte nehme ich [...] mit einem leichten Stirnrunzeln als zeittypisch hin.

Anders betrachtet wird vielleicht ein Schuh draus … Im 19. Jahrhundert scheint man erfreuliche Eigenschaften bzw. Wesensmerkmale wie Sanftmut, Liebe und Güte, die damals wie heute beiden Geschlechtern zueigen sein konnten und können, entgegenkommender-, freundlicher- und wenn man so will charmanterweise, wenn indes auch unpassenderweise, eher dem weiblichen zugesprochen haben … So wie man es auch das „schöne“ nannte, „scherzhaft“, wie Martin Beheim-Schwarzbach einmal treffenderweise anmerkte …



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 04.07.16 13:49.
Re: Leserunde „Im Wilden Westen“ – chronologisch
04. Juli 2016 14:29
Liebe mugwort (oder lieber Irmgard?),

vielleicht kann das worüber du so treffend schriebst auch folgendermaßen deuten:
Mays Könnerschaft kommt bei den Teilen zur Geltung, die ja eigentlich "ortsunabhängig" sind, Vielleicht musste er sich die "exotische" Gegend und auch Gestalten des Wilden Westens (der sein zweithäufigster wurde) erst "einschreiben", oder auch einlesen. Vorher schrieb er ja als größeren Roman nur(?) "der beiden Quitzows letzte Fahrten", der ja ganz wo anders spielt. ("Typen", die er dann in den WW transportierte kamen allerdings auch da teilweise vor.
Über die "Wandlungen" des Winnetous liegen ja als Sekundärliteratur sehr viele Abhandlungen (fast hätte ich Romane geschrieben) vor.

Helmut

PS. Die "folgende" Erzählung "Auf der See gefangen" ist in dem für dieses Quartal verbilligten KMG-Reprint "Frohe Stunden" enthalten; siehe z.B.
[www.karl-may-franken.de]



2-mal bearbeitet. Zuletzt am 05.07.16 08:26.
Re: Leserunde „Im Wilden Westen“ – chronologisch
04. Juli 2016 14:35
Quote

der beiden Quitzows letzte Reisen

Fahrten. Zunächst halt eine Fahrten-, keine Reiseerzählung.

smiling smiley
Re: Leserunde „Im Wilden Westen“ – chronologisch
04. Juli 2016 18:44
Helmut schrieb:
-------------------------------------------------------
> Liebe mugwort (oder lieber Irmgard?),

Erkannt! War aber auch nicht schwer ;-)...

Helmut schrieb:
-------------------------------------------------------
> vielleicht kann das worüber du so treffend
> schriebst auch folgendermaßen deuten:
> Mays Könnerschaft kommt bei den Teilen zur
> Geltung, die ja eigentlich "ortsunabhängig" sind,
> Vielleicht musste er sich die "exotische" Gegend
> und auch Gestalten des Wilden Westens (der sein
> zweithäufigster wurde) erst "einschreiben", oder
> auch einlesen.

Exakt das meinte ich mit der Formulierung "fremdeln". Er musste sich - sozusagen - erst "eingrooven".

Helmut schrieb:
-------------------------------------------------------
> PS. Die "folgende" Erzählung "Auf der See
> gefangen" ist in dem für dieses Quartal
> verbilligten KMG-Reprint "Frohe Stunden"
> enthalten; siehe z.B.
> [www.karl-may-franken.de]

Danke für den Hinweis - da ich aber immer noch mit der guten alten Fraktur "fremdel", werde ich wohl tatsächlich nach KMV lesen...
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