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Der verlorne Sohn

geschrieben von Rüdiger 
Re: Der verlorne Sohn
04. Februar 2006 11:58
Oh, danke, Rolf, jetzt habe ich dich verstanden!! winking smiley smiling smiley

andrea
Re: Der verlorne Sohn
05. Februar 2006 11:38
So, jetzt ist mir der Einstieg in die Lektüre gelungen.
Und schon wird's auch spannend, mind. auf 2 Leseebenen winking smiley
Die Hauptfigur (Gustav Brandt) verliebt sich in eine Frau, die ihm nicht "zusteht" (da war doch was mit der ersten Lehrerstelle, Hr. May!); er wird dann fälschlich zweier Verbrechen angeklagt (im Gegensatz zu dem "anderen" ist er allerdings wirklich unschuldig. Später wird er dann auf einer Zugreise befreit, von einem Schmied (Weißflog hiess der im "richtigen Leben"winking smiley.

Helmut
Re: Der verlorne Sohn
05. Februar 2006 18:52
Die Beschreibung des Elends, der Not und des Hungers im 2. Kapitel sind erschütternd und auch so detailliert geschildert. Man spürt eigentlich sofort, dass ihm dieses sicher nicht fremd war.
Re: Der verlorne Sohn
07. Februar 2006 13:38
Nochmals einige (Zwischen-)bemerkungen:

- Der Aufbau des "verlornen Sohns" ist wohl (auch für einen Kolportageroman) ziemlich ungewöhnlich. Nach 250 Seiten ist die (Haupt-)gechichte eigentlich "auserzählt", das über 200 Seiten geschilderte Verbrechen ist restlos aufgeklärt. Man könnte den Roman in einigen wenigen Seiten beenden.
Aber da fängt er eigentlich erst richtig an. Als "Hauptstrang" der Nebenerzählung entwickelt sich ein erbitterter Kampf zwischen dem "Fürst des Elends" und dem "Hauptmann", zwischen Gut und Böse.

- Die so drastisch erzählte Liebesgeschichte zwischen dem Fürsten des Elends und Ella, passt eigentlich nicht im mindesten zum Charakter des Fürsten. Hier könnte man am ehesten vermuten, dass dies (von wem auch immer) "hineininterpoliert" wurde.

- Die Schilderung des Geschehens um Marie Bertram, nachdem sie die Verhaftung ihres Geliebten und ihres (Stief-)bruders erfahren hat, und nach dem Tod ihres Vaters, dieses willenlose und reine mechanische Herumlaufens auf dem Friedhof, erinnert mich an ähnliche Erlebnisse, wie May sie in "Mein Leben und Streben" beschrieben hat.

Helmut
Re: Der verlorne Sohn
07. Februar 2006 13:51
Quote

- Die so drastisch erzählte Liebesgeschichte zwischen dem Fürsten des Elends und Ella, passt eigentlich nicht im mindesten zum Charakter des Fürsten. Hier könnte man am ehesten vermuten, dass dies (von wem auch immer) "hineininterpoliert" wurde.

Auf den Gedanken bin ich noch gar nicht gekommen, aber das klingt einleuchtend. Möglich. Ich habe das immer leicht irritiert gleichsam für einen Ausdruck charakterlicher Verlottertheit Karl Mays gehalten. - In meiner Rezension bzw. meinen Bemerkungen zu Band 1 der Bargfelder Ausgabe habe ich zu ähnlicher Thematik auch etwas geschrieben.

Quote

dieses willenlose und reine mechanische

Eben. So empfinde ich es auch. Und spätere Szenen, wie die besagte und mittlerweile vielzitierte in der Leichenhalle ebenfalls: hilflos, ratlos, willenlos und mechanisch erscheinen einem da die Leute. Von Gnade, Glaube, Geborgenheit vermittelt sich mir da nichts. Karl May hat packende Bilder des Elends und der Verlorenheit gezeichnet.



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 07.02.06 13:54.
Re: Der verlorne Sohn
13. Februar 2006 06:42
Hallo,

dann will ich mich auch mal an einer Leserunde beteiligen! Ich lese im moment die online-Version (www.karl-may-gesellschaft.de), ich glaube das ist die erste Muenchmeier-Fassung.

Ich stimme zu bezueglich des Roman-Aufbaus, insbesondere im Vergleich mit dem Waldroeschen. Irgendwie meint man beim verlorenen Sohn, dass nach jeder "Abteilung" der Roman eigentlich beendet werden koennte, aber dann kommt die naechste mit einem (teilweise) voellig neuen Set von Personen - lose verknuepft durch einzelne wiederholt auftretende Personen.

Es faellt auch irgendwie auf, unter welchem druck May das geschrieben haben muss - Schussligkeitsfehler wie zum Beispiel auf Seite 1068 (vorletzte Zeile)

»Doch, sagen Sie!« bemerkte Bertram. »Wissen Sie das? Sind Sie mit der Melitta bekannt?«

im Dialog zwischen Uhland und Petermann, waehrend Bertram einige Abteile weiter im Zug sitzt...

(Seitenangabe bezieht sich auf die Online-Version der KMG)

Der Anfang des Romans ist mir auch ein Raetsel. Wirkt irgendwie extrem konstruiert - zu viele "Zufaelle", die teilweise sehr "gezwungen" wirken, wie zum Beispiel die Ermordung des Pascher-Anfuehrers, nur damit Brandt belauschen kann "...dass es dem Helfensteiner an den Kragen gehen soll..." und er deshalb ins Schloss geht um den Baron zu warnen? Klingt meiner Meinung nach zu konstruiert fuer einen "echten May".

Naja, ich lese mal weiter...

TT
Re: Der verlorne Sohn
13. Februar 2006 17:16
Diese "Schussligkeitsfehler" (es gibt da noch viele andere mehr, wie z.B. vertauschte Vornamen) zeigen aber auch wie "billig" beim Münchmeyer-Verlag gearbeitet wurde, denn es gab offensichtlich keinen vernünftigen Lektor.

Da kommt dann auch ein Verleger vor, der seine Dichter (wie den berühmten Hadschi Omanah) verhungern lässt, statt sie anständig zu bezahlen, und dann auch noch fleissig Auflagen nachdruckt, auch wieder ohne dass der Autor einen Pfennig davon sieht.

Quote

Uebrigens halte ich diesen Zimmermann für einen Betrüger, welcher ohne Erlaubnis drucken ließ.

Was ist daran so bemerkenswert?
Der Name ("Zimmermann"winking smiley des Verlegers; denn was war H.G. Münchmeyer's Beruf, bevor er Verleger wurde?
"Zimmermann" natürlich.

May hat wohl ziemlich genau gewusst, dass Münchmeyer diese Anspielung entweder nicht kapiert, oder überhaupt nicht liest.

Dies spricht allerdings gegen die Theorie der Einfügung von verfänglichen Textteilen von Münchmeyer selbst.

Es kommt dann noch der Untersuchingsrichter Assessor Schuberth vor, der die (seltene) menschliche Seite der Justiz vertritt. Solche Art von Richtern hätte May sich wohl gewünscht.

Helmut
Re: Der verlorne Sohn
13. Februar 2006 21:21
Ich denke, er haette sich auch jemanden gewuenscht, der ihn immer wieder aus dem Schlamassel "raushaut" - so a la Fuerst...der ist ja eigentlich mit nichts Anderem beschaeftigt ( ok, ich geb zu, das ist ein bischen uebertrieben).

TT
Re: Der verlorne Sohn
14. Februar 2006 22:50
2. Bargfelder Band. Der alte Beyer und seine Tochter, beide unschuldig, sind auf Betreiben der etablierten Seidelmanns verhaftet worden.

»Und seine Frau, das arme, kranke Wesen, wie wird sie das Unglück aufnehmen? Sie wird es nicht verwinden können!«

»Pah, sie hat es bereits verwunden! Man kennt ja die Menschheit! Als die beiden Gefangenen im Schlitten sitzen und die Pferde sich in Bewegung setzen, setzen sich auch die Maulaffen in Bewegung. Und wohin? Natürlich nach Beyers Wohnung! Nicht etwa in schlechter Absicht! O nein! Trösten wollen sie, einem etwaigen Unglück vorbeugen wollen sie, weiter nichts! Diese Menschheit ist so gut, so liebevoll, so zuvorkommend! Und da stürzen sich nun ein halbes Dutzend solcher Klatschbasen zu der Kranken in die Stube und schreien ihr vor, daß ihr Mann in Ketten und Banden als Dieb und Hehler mit der Tochter fortgeschafft worden sei.«

»Die Unvorsichtigen! Herr Jesus, was wird da geschehen!«

»Was soll denn da geschehen? Nichts weiter natürlich, als daß die arme Frau vom Lager auffährt und einen entsetzlichen Schrei ausstößt. Sie fährt sich mit den Händen nach dem Herzen, der Athem geht ihr aus, das Gesicht wird erst roth und dann braun, und dann, nun ja, dann ist sie eben eine Leiche. Ganz recht! Warum ist sie die Frau eines Hehlers und die Mutter einer Spitzbübin!«

*

Und kurz darauf, dieser Gottesdienst der Scheinheiligen, die Upper-class-Verbrecher kommen mit frommen Worten, und alle fallen sie darauf hinein, selbst der Pfarrer, ?obgleich er eher als die Arbeiter im Stande war, den wirklichen Sachverhalt zu durchschauen.?

Schon ein toller Roman. Und wer nicht sieht, dass da ? neben Mitgefühl, Anteilnahme usw. ? auch reichlich Galgenhumor, Zynismus, Kälte, kühler, sezierender Röntgenblick dabei ist, der sieht nur die Hälfte.
Re: Der verlorne Sohn
14. Februar 2006 23:13
Hallo Rüdiger!

Ich würde es eher Sarkasmus nennen. Geschrieben von jemandem, der die Verhältnisse kennt und darüber bitter geworden ist. Wir finden das ja auch bei ernst zu nehmenden Kabarettisten, die oft wirklich böse und bittere Kommentare abgeben - jenseits von Comedy-Beliebigkeit, wie sie heute die Regel ist.

Gruß

Rolf
Re: Der verlorne Sohn
14. Februar 2006 23:18
So sehe ich das eigentlich auch. Der Zynismus spricht in der Szene jedenfalls nur aus der Figur. Karl May als Erzähler erscheint mir an diesem Punkt kritisch-sarkastisch. Wenn man Karl May Zynismus verwerfen wollte, dann nur, wenn er die zitierte Reaktion auch selbst getroffen und sie für richtig befunden hätte. Und das sehe ich nicht.
Re: Der verlorne Sohn
15. Februar 2006 06:53
Vielleicht trifft es der Ausdruck Sarkasmus besser. Ich denke auch, es mischt sich.

Wobei der berichtende Förster ja empört ist, und das ja nicht ernst meint, wenn er sagt, warum ist die Frau auch das und das. Das ist wohl Sarkasmus.

Seitens Karl May sehe ich auch Zynismus (wobei ich zugebe, daß ich die beiden Begriffe gar nicht immer so genau auseinanderhalte). "Auf grausame, beleidigende Weise spöttisch" sagt der Duden. Nun, das nicht primär, aber das kann er durchaus auch.

"Die Wahrheit ist skandalös. Aber ohne sie ist alles nichts wert. Eine ehrliche und naive Sicht der Welt ist bereits ein Meisterwerk... In dem Maße wie Sie der Wahrheit näherkommen, nimmt Ihre Einsamkeit zu.

Schneiden Sie die Themen an, von denen niemand etwas hören will. Die Welt hinter den Fassaden. Bestehen Sie auf der Krankheit, der Agonie, der Häßlichkeit. Sprechen Sie vom Tod und vom Vergessen. Von der Eifersucht, der Gleichgültigkeit, der Frustration, der Lieblosigkeit. Seien Sie gemein, dann werden Sie wahr sein."

Diese Texte von Michel Houllebecq habe ich gestern im Netz gefunden. Sie passen auch auf Karl May, und bei ihm insbesondere auf den "Verlornen Sohn".
Re: Der verlorne Sohn
15. Februar 2006 08:07
Quote

Diese Texte von Michel Houllebecq habe ich gestern im Netz gefunden. Sie passen auch auf Karl May, und bei ihm insbesondere auf den "Verlornen Sohn".

... und auf Forenteilnehmer.
Re: Der verlorne Sohn
15. Februar 2006 09:29
Ich bin jetzt am Anfang der "Sklaven der Arbeit".

Was ich da bei der Beschreibung des Elends am Anfang vermisse, ist das Gefühl, das sich bei mir als erstes beim Lesen solcher Szenen einstellt, nämlich Wut.
Dieses sich völlig in die Verhältnisse ergeben (und auch noch Gott dafür danken) ist für mich nur sehr schwer nachvollziehbar.
Dass sich da Wut, auf die einstellt, die dies verschuldet haben (und die sind ja greifbar), scheint mir eine "natürliche" Reaktion zu sein. Und dies fehlt hier fast vollständig, geschweige denn, dass diese Wut auch noch "manifest" wird.
Und so was hat's ja auch in der Realität gegeben, wenn ich da nur an die Weberaufstände denke.

Helmut
Re: Der verlorne Sohn
15. Februar 2006 11:22
@Wolfgang

Du mußt doch nicht immer alles aussprechen, was ich denke.

grinning smiley

@Helmut

Das meine ich. Er ist nicht wütend, er ist zynisch. Gleichwohl mitfühlend und anteilnehmend.
Re: Der verlorne Sohn
16. Februar 2006 00:01
Quote

Du mußt doch nicht immer alles aussprechen, was ich denke. grinning smiley

Tu ich doch gar nicht. Ich schreibe, was ich denke. Auch wenn es erschreckend sein sollte: Gelegentlich sind wir tatsächlich einer Meinung winking smiley
Re: Der verlorne Sohn
16. Februar 2006 07:22
Aufgefallen ist mir das schon länger, man könnte auch das abgegriffene "... aber immer öfter" anfügen, und erschreckend finde ich daran nichts.

winking smiley
Re: Der verlorne Sohn
18. Februar 2006 06:29
Im zweiten Band (Bargfelder Ausgabe) gibt es eine an die Nieren gehende Passage von übelster, grausamster Kindesmisshandlung. Das Kind kommt anschließend während einer Akrobatik-Vorführung zu Tode, weil sein Peiniger betrunken ist.

Man versucht, den Skandal kleinzuhalten,

?Unter ihnen befand sich auch Doctor Werner, der bekannte Knappschafts- und Armen Arzt. Er näherte sich dem Knaben und that, als ob er ihn untersuche. In Wahrheit aber war es nur ein gleichgiltiger Blick, den er auf ihn warf?

was angesichts des Körpers des toten Kindes

?hundert Rufe des Entsetzens ließen sich rundum hören. Nicht nur der Rücken des armen, gemarterten Kindes, sondern der ganze Körper zeigte die Spuren der fürchterlichen Peitsche. Hieb lag neben Hieb, und es gab Stellen, an denen die dicken Schwielen aufgeplatzt waren, so daß das rohe Fleisch zwischen den Hautrissen hervorblickte. Es war ein scheußlicher Anblick?

nicht ganz einfach ist.

Die Angelegenheit spielt in der sächsischen Heimat. Solche Dinge wirken noch etwas kräftiger, wenn er sie eben mal nicht im persischen oder sonstwie exotischen Gewande erzählt.
Re: Der verlorne Sohn
18. Februar 2006 06:48
Anschließend plaudern die Honoratioren auf dem Heimweg:

»Das war ein Schauspiel, wie ich keines wieder sehen möchte,« bemerkte Strauch während des Gehens.

»Ja; es ist schade um den Kleinen!« antwortete Fritz.

»Schade?« fragte der Fromme. »Das will ich nicht sagen. Die Wege des Herrn sind wunderbar, und er führet Alles herrlich hinaus! So sagt die heilige Schrift.«

»Nennen Sie das herrlich, was wir heute gesehen haben?«

»Es kann herrlich sein.«

»Um Gotteswillen!«

»Der Allgütige hat den Knaben zu sich gerufen, damit er vor noch größerer Verwahrlosung verschont bleibe. Er war ein Kind der Gottlosen. Der Teufel hatte seine Krallen bereits nach ihm ausgestreckt. Ihm ist sehr wohl geschehen!«

Sie hatten die Ausspannung erreicht.

»Kehrst Du noch einmal mit ein?« fragte Fritz den Bekannten.

»Danke! Mir ist ganz übel geworden.«

»Wegen des Jungen? Mache Dich nicht lächerlich!«

»Es war mir schon vorher nicht recht wohl zumuthe!«

»Also fühlst Du Dich unwohl?«

»Ja, allerdings!«

»Aber doch nicht etwa bedeutend? Ich hoffe, daß Du morgen die Maskerade nicht zu versäumen brauchst!«

»Ich komme.«

»Schön! Also, gute Nacht!«

*

Auch so schreibt Karl May. Diesen Eindruck vermittelt man mit harmlos-gefälligen Buschgespenst-Spielereien auf Weihnachtsfeiern oder Volksfestivitäten für Hinz und Kunz allerdings nicht.

Im ?Verlornen Sohn? geht es richtig zur Sache und ans Eingemachte. In Bearbeitung und belangloser Buschgespenst-Verfilmung nicht.
Re: Der verlorne Sohn
20. Februar 2006 16:12
Bei der Gelegenheit sollte ich dann doch mal mitteilen, dass derzeit der Keller des Karl-May-Hauses HOT mit einer Szene aus dem "Verlornen Sohn" gestaltet wird. Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Hintergründe des Geschehens sollen dabei auch verdeutlicht werden.
Das Gelingen dieses Vorhabens könnt ihr ab Sonnabend selbst beurteilen.

Rehkitz
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